
Ich stand an der Theke im Supermarkt, hielt mit einer Hand den Einkaufswagen fest und umklammerte mit der anderen meine alte, zerknitterte Einkaufsliste: Kartoffeln, Brot, Milch, etwas Butter. Alles, was ich mir diesen Monat leisten konnte. Alles, was man eigentlich braucht — wenn man nicht darüber nachdenkt, was man sich wirklich wünscht.
Langsam ging ich an den bunten Regalen vorbei und blieb immer wieder stehen: auf einem lag die Nussschokolade, die Viktor und ich sonntags kauften — „für Feiertage“, scherzte er immer. Weiter vorne — Mandarinen, saftig und süß, genau die, die nach Neujahr duften. Er brachte sie immer in einem Stoffbeutel mit, umarmte mich und lächelte. Und im nächsten Regal — Honig im Glas. Ich stellte mir sofort vor, wie er mir Tee in meine Lieblingsporzellantasse einschenkt und einen Löffel von dieser bernsteinfarbenen Köstlichkeit hinzugibt.
Aber Viktor ist nun schon seit drei Jahren nicht mehr da. Und jeder Winter wird ein wenig kälter. Nicht wegen des Wetters — wegen der Stille.

Ich setzte meinen Weg durch den Laden fort, strich das von der Liste, was ich mir leisten konnte. Dann kehrte ich zurück zum Regal mit den Mandarinen. Nur um zu schauen. Nur um mich zu erinnern.
— Kann ich Ihnen helfen? — hörte ich plötzlich eine Stimme neben mir.
Ich drehte mich um. Vor mir stand eine junge Frau, etwa fünfundzwanzig Jahre alt. Jacke offen, Rucksack über der Schulter, und in ihren Augen — eine aufrichtige Freundlichkeit. Eine, die man im Trubel der Großstadt selten sieht.
— Nein, danke — antwortete ich mit einem Lächeln. — Ich schaue nur.
Sie nickte, ging aber nicht weg. Verharrte einen Moment.

— Sie erinnern mich an meine Großmutter — sagte sie leise. — Sie hat auch immer gesagt: „Ich schaue nur“, wenn sie nicht wollte, dass sich jemand Sorgen macht.
Ich spürte, wie etwas in mir berührt wurde. Ich hatte um nichts gebeten. Mich nicht beklagt. Aber dieses „Sie erinnern mich an meine Großmutter“ klang so warm, dass ich sie am liebsten umarmt hätte.
— Es sind die Mandarinen — murmelte ich, eher zu mir selbst als zu ihr. — Mein Mann liebte sie. Besonders im Winter.
Die junge Frau schwieg einen Moment, dann griff sie entschlossen nach einer Tüte und legte sie in meinen Wagen. Dann stellte sie noch ein Glas Honig dazu.
— Von meiner Großmutter — für Ihre. Möge der Tag ein wenig heller werden — sagte sie und zwinkerte mir zu.
Ich war ganz überrumpelt. Wollte protestieren. Sagen, dass ich alles habe. Dass es nicht nötig sei.
Aber ich konnte nicht.

Denn in diesem Moment fühlte ich mich nicht mehr wie eine einsame ältere Frau, sondern einfach wie ein Mensch, den jemand gesehen hat. Ohne Mitleid. Ohne Herablassung. Sondern mit Wärme und Respekt.
An der Kasse war sie genauso plötzlich verschwunden, wie sie erschienen war. Ich versuchte, sie unter den anderen Kunden zu entdecken, aber ich fand sie nicht.
Zuhause stellte ich die Mandarinen in eine Schale und den Honig neben den Tee. Ich beeilte mich nicht, sie zu essen. Ich saß einfach in der Küche und schaute auf diese einfachen, aber so bedeutsamen Geschenke.
Denn manchmal kann eine einzige gute Tat genauso wärmen wie eine Wolldecke. Denn es geht nicht ums Geld, nicht um die Lebensmittel — sondern darum, dass dir jemand sagt: „Ich sehe dich. Du bist nicht allein.“
Seitdem schaue ich beim Einkaufen nicht mehr nur auf die Regale. Ich halte Ausschau nach Menschen, denen vielleicht auch etwas Wärme fehlt. Denn Güte — sie wird weitergegeben. So wie ein Lächeln. Oder der Duft von Mandarinen.







