
Bob Hollis glaubte sein ganzes Leben lang, dass Familie nicht nur durch Blutsbande definiert wird, sondern auch durch die Bereitschaft, sich um diejenigen zu kümmern, die Wärme und Unterstützung brauchen. Er selbst wuchs in einer Pflegefamilie auf und träumte seit seiner Jugend davon, dass er, wenn er erwachsen sei, so vielen Kindern wie möglich ein Zuhause geben würde.
Mit seiner ersten Frau bekam er zwei Söhne, die längst erwachsen waren. Mit seiner zweiten Frau, Mary, beschlossen sie, drei Kinder zu adoptieren, um ihnen jene Fürsorge zu schenken, die in der Kindheit oft fehlt. Bob sagte oft:
— Wenn auch nur ein Kind dank unserer Familie sich geliebt und gebraucht fühlt, dann haben wir etwas Wichtiges getan.
Trotzdem träumten die Eheleute von einem gemeinsamen leiblichen Kind. Und eines Tages, nach vielen Jahren des Wartens, wurde dieser Traum wahr — Mary war schwanger.

Zwei Monate vor dem errechneten Geburtstermin wollte Bob seiner Frau eine Freude machen: eine Reise nach Florida — ein Ort, von dem sie besonders liebevoll sprach. Er wollte, dass sie sich erholt und Kräfte für das wichtige Ereignis sammelt.
Doch das Leben hatte andere Pläne. Kurz nach der Ankunft in Florida begann Mary eine Frühgeburt, und sie wurde ins örtliche Krankenhaus gebracht. Dort wurde Bob mitgeteilt, dass das Mädchen zu früh zur Welt gekommen sei und er sie abholen müsse, sobald die Papiere fertig seien. Seine Frau starb bei der Geburt.
Alles liegen lassend, nahm Bob den ersten Flug nach Florida. Im Krankenhaus traf er auf eine ehrenamtliche Helferin — eine energische und außergewöhnlich fürsorgliche 82-jährige Frau namens Meredith Sticks. Sie hörte ihm aufmerksam zu, half bei der Erledigung aller Formalitäten und sorgte dafür, dass der Vater und das Neugeborene mit allem Notwendigen versorgt waren.
— Wenn Sie etwas brauchen, rufen Sie mich an — sagte sie beim Abschied.
Bob war sicher, am nächsten Tag nach Hause zurückzukehren. Doch am Check-in-Schalter am Flughafen wurde er aufgehalten.

— Ist das Mädchen Ihr Kind? — fragte eine Mitarbeiterin.
— Ja — nickte er, während er das winzige Bündel behutsam hielt.
— Leider müssen Neugeborene laut den Bestimmungen der Fluggesellschaft mindestens sieben Tage alt sein, um fliegen zu dürfen, und es wird die Original-Geburtsurkunde benötigt — erklärte die Frau höflich, aber bestimmt.
Bob erkannte, dass er in der fremden Stadt niemanden hatte, an den er sich wenden konnte. Da erinnerte er sich an Meredith. Als er sie anrief, hörte er eine warme und sichere Stimme:
— Kommen Sie her, Sie und das Baby können so lange bei mir bleiben, wie es nötig ist.
So begann ihre Woche im gemütlichen Haus von Meredith. Sie umgab die kleine Gästin mit Fürsorge, erzählte Geschichten von ihrer Familie — vier Kindern, sieben Enkeln und drei Urenkeln. Bob bemerkte überrascht, dass die Kleine lächelte, sobald sie Merediths Stimme hörte.

Diese Tage wurden für ihn nicht nur eine Wartezeit auf die Papiere, sondern auch eine tiefe Erkenntnis darüber, wie wichtig es ist, Hilfe anzunehmen. Sie bereiteten gemeinsam Abendessen zu, saßen abends auf der Veranda, und Bob wurde immer mehr bewusst, dass manchmal nicht diejenigen zur Familie werden, die denselben Nachnamen tragen, sondern jene, die in der Not helfend die Hand reichen.
Als die Dokumente fertig waren, kehrte Bob nach Texas zurück, doch ihr Kontakt riss nicht ab. Sie telefonierten regelmäßig, tauschten Fotos des Babys aus und berichteten einander vom Leben.
Einige Jahre später verstarb Meredith. Bei ihrer Beerdigung trat ein Anwalt auf Bob zu und teilte ihm mit, dass sie ihn im Testament gleichberechtigt mit ihren Kindern bedacht hatte.
Aus Dankbarkeit für ihre Güte widmete er die erhaltenen Mittel der Gründung einer Wohltätigkeitsstiftung, die er gemeinsam mit Merediths Familie ins Leben rief. Die Stiftung unterstützt Familien mit Kindern in schwierigen Situationen — genau so, wie Meredith ihm einst geholfen hatte.
Und jedes Mal, wenn Bob das Lächeln eines Kindes sieht, erinnert er sich an jene Woche, in der eine 82-jährige Frau ihm die Türen ihres Hauses und ihres Herzens öffnete und zeigte, dass Güte das Leben wirklich verändern kann.







