Der König verhüllte das Gesicht seiner Tochter bis zu ihrem Hochzeitstag mit einem Schleier — doch als der Schleier am Tag der Hochzeit entfernt wurde, erstarrte der ganze Palast.

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Der König legte seiner Tochter einen Schleier über das Gesicht, damit niemand im ganzen Königreich sie von ihrer Geburt bis zum Tag ihrer Hochzeit sehen konnte. Von diesem Moment an wurde das Gesicht der Prinzessin zu einem Geheimnis, über das niemand laut sprechen durfte, und jeder am Hof verstand, dass es Dinge gab, denen man sich besser nicht näherte.

Als Prinzessin Elina sechs Jahre alt wurde, festigte der König endgültig seine Entscheidung. Er befahl, dass der Schleier ihr Gesicht immer bedecken müsse, und überwachte dies persönlich. Jedes Mal, wenn sie unter Menschen erschien, trat er zu ihr und zog den Schleier sanft über ihr Gesicht, als würde er sie von den Blicken anderer und von der ganzen Welt abschirmen.

Von da an hatte niemand im Königreich ihr Gesicht seit ihrer Geburt gesehen. Es war nicht länger nur ein Gesetz — es wurde zu einem Teil des Lebens im Palast, zu einem Teil der Stille und der Angst, die mit ihr wuchsen.

Im Palast begannen Gerüchte zu entstehen. Einige sprachen von einem Fluch. Andere behaupteten, der König habe einst etwas so Schreckliches gesehen, dass er beschlossen habe, seine Tochter für immer vor der Welt zu verstecken. Doch die Wahrheit blieb unbekannt, denn ihr Gesicht war stets unter dem Schleier verborgen, und der König bedeckte es immer wieder, sodass niemand sich diesem Geheimnis nähern konnte.

Die Prinzessin wuchs in völliger Isolation auf. Sie sprach kaum, vermied Menschen und hielt sich stets im Schatten des Palastes auf. Ihre einzige Zuflucht waren die Nächte, wenn sie allein blieb und leise auf einem alten Klavier in einem leeren Saal spielte. In solchen Momenten schien die Musik das Einzige zu sein, was sie noch mit der Welt verband.

Mit den Jahren wurde die Angst um sie nur größer. Die Dienerschaft vermied ihren Blick. Einige Mutige versuchten, die Wahrheit herauszufinden: Einer der Höflinge wollte heimlich ihren Schleier lüften, wurde jedoch aus dem Königreich verbannt; eine junge Dienerin versuchte eines Nachts, den Stoff anzuheben, als die Prinzessin am Kamin eingeschlafen war, doch am nächsten Tag war sie verschwunden. Danach wagte sich niemand mehr in ihre Nähe.

Der König wiederholte immer denselben Satz:

— Sie wird den Schleier erst an ihrem Hochzeitstag ablegen.

Doch die Jahre vergingen, und keine Bewerber erschienen. Niemand wollte ein Mädchen heiraten, dessen Gesicht seit ihrer Geburt niemand gesehen hatte.

 

Der König wurde älter. Sein Blick wurde immer schwerer, und die Stille im Palast immer tiefer. Er verstand, dass eines Tages seine Zeit enden würde und seine Tochter allein in einer Welt zurückbliebe, die Angst vor ihr hatte.

Dann kam ein junger Prinz namens Richard in das Königreich. Er war nicht der reichste Erbe, doch in seinem Blick lag keine Furcht. Als er verkündete, dass er die Prinzessin heiraten wolle, ohne jemals ihr Gesicht seit ihrer Geburt gesehen zu haben, erstarrte der ganze Palast.

Die Menschen konnten es nicht glauben:

— Er tut es wegen der Macht.

— Oder aus Neugier.

— Oder er versteht nicht, was ihn erwartet.

Trotzdem wurde die Hochzeit angesetzt.

Am Tag der Zeremonie war die Kathedrale voller Menschen. Die Leute standen sogar an den Mauern und warteten auf den Moment, über den man ihr ganzes Leben lang gesprochen hatte.

Als sich die Türen öffneten, breitete sich absolute Stille aus.

Der König führte seine Tochter zum Altar. Sie trug ein weißes Kleid, und ihr Gesicht war, wie seit ihrer Geburt, unter dem Schleier verborgen, den der König vor allen Gästen noch einmal sanft zurechtrückte.

Prinz Richard stand am Altar und wusste zum ersten Mal in seinem Leben nicht, was er gleich sehen würde.

Der Priester begann die Zeremonie mit zitternder Stimme.

Dann kam der Moment der Wahrheit.

Der König trat langsam näher.

 

Die ganze Halle erstarrte.

Behutsam hob er den Schleier an.

Und nahm ihn von ihrem Gesicht.

Eine Sekunde der Stille dehnte sich wie eine Ewigkeit aus.

Die gesamte Kathedrale blieb reglos.

Unter dem Schleier waren weder Hässlichkeit noch Narben noch irgendetwas Furchterregendes verborgen.

Dort stand eine junge Frau von außergewöhnlicher Schönheit, so überwältigend, dass die Menschen ihren eigenen Augen nicht trauten. Doch ihr Blick war leer und kalt — als hätten die Jahre der Isolation ihr alles Lebendige genommen.

Der König sank auf die Knie.

— Warum habt Ihr das getan? fragte ein Berater leise.

Er antwortete:

— Weil die Schönheit ihrer Mutter Königreiche zerstörte. Menschen führten Kriege, verrieten einander und verloren den Verstand. Ich hatte Angst, dass sich diese Geschichte wiederholen würde.

Und dann sprach die Prinzessin zum ersten Mal in ihrem Leben.

— Du dachtest, du würdest mich beschützen… doch in Wahrheit hast du mein Gesicht seit meiner Geburt unter einem Schleier verborgen — und mit ihm mein ganzes Leben.

Sie drehte sich um und ging langsam zum Ausgang.

Und niemand wagte es, sie aufzuhalten.

Man sagt, sie verschwand noch am selben Tag aus dem Königreich. Doch ihre Geschichte blieb in den Legenden bestehen.

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